Station 2 Legau · Lage und Handlungsfelder
Verschiedene Blickwinkel auf ein gemeinsames System
In Legau haben wir die Land- und Ernährungswirtschaft aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet. Dabei wurde deutlich, dass sich die Rolle der Kuh nur im Zusammenhang mit Standort, Bewirtschaftung und Ernährungssystem beurteilen lässt. Zugleich bestimmen Märkte, Regeln, gesellschaftliche Erwartungen und Kaufentscheidungen mit, welche Entwicklung in der regionalen Land- und Ernährungswirtschaft möglich ist.
Braucht unser Ernährungssystem die Kuh?
Die Podiumsgäste haben diese Frage grundsätzlich bejaht, allerdings aus ganz unterschiedlichen Gründen. Die Kuh steht für weit mehr als Milch. Sie steht für Wertschöpfung und Kreisläufe, für Aufgaben im Ökosystem, für Handwerk und für Landschaft.
Entscheidend ist, welches Produktionssystem zum Standort und zu seinen Ressourcen passt. Leistung hat Grenzen, und eine höhere Produktion bedeutet nicht automatisch ein besseres Ergebnis. Dr. Thomas Guggenberger stellte deshalb den sinnvollen Grenzertrag in den Mittelpunkt. Ob ein Betrieb biologisch oder konventionell wirtschaftet, ist in dieser Hinsicht nicht die entscheidende Frage. Denn wie eine Leistung bewertet wird, hängt auch davon ab, ob man sie zum Beispiel auf ein Kilogramm Milch oder auf einen Hektar Fläche bezieht.
Unterschiedliche Einschätzungen und offene Fragen bleiben bestehen. Das gilt besonders für die Ethik der Tiernutzung, für die Leistungshöhe je Kuh, für die Bewertung von Methan und für den Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und Gesundheit.
Was Legau zeigt
In Legau wurde deutlich, dass viele Beteiligte zusätzliche Anforderungen und Einschränkungen erleben, während ihre wirtschaftlichen und praktischen Handlungsmöglichkeiten begrenzt bleiben oder gar weiter eingeschränkt werden. Damit stellt sich die Frage, wie Verantwortung und Möglichkeiten zusammenpassen.
Für die regionale Agrarwende ist deshalb entscheidend, Bedingungen zu entwickeln, unter denen vielfältige Betriebe und Menschen Veränderungen mitgestalten können, ohne dass bestehende Abhängigkeiten weiter wachsen.
Die Land- und Ernährungswirtschaft betrifft dabei auch Menschen, die beruflich nichts mit Landwirtschaft zu tun haben. Sie betrifft alle über Lebensmittel und ihre Bezahlbarkeit, über Wasser, Energie und Landschaft, über Gesundheit, Arbeitsplätze und das Zusammenleben in der Region.
Die übergeordnete Frage lautet deshalb: Wie entwickeln wir die regionalen Grundlagen und Beziehungen so weiter, dass sie Menschen gut versorgen, vielfältige Lebens- und Erwerbsmöglichkeiten eröffnen und unter veränderten Bedingungen tragfähig bleiben?
Aus dieser Frage bekommen die drei Handlungsfelder einen gemeinsamen regionalen Bezug.
1. Landnutzung und Landschaftsfunktionen unter veränderten Bedingungen
Die Lage
Steigende Temperaturen und zunehmende Wetterextreme verändern die Bedingungen für die Land- und Forstwirtschaft und für das Leben in der Region. In Legau wurden Standortgerechtigkeit, Grenzen der Produktionsleistung sowie Vielfalt und die unterschiedlichen Aufgaben von Pflanzen und Tieren im Ökosystem angesprochen. Mit dem Verlust an Vielfalt gehen auch Möglichkeiten verloren, sich anzupassen und aktiven Klimaschutz zu betreiben.
Das Handlungsfeld für Isny
Im Mittelpunkt stehen der Erhalt, die Wiederherstellung und die Weiterentwicklung der natürlichen Lebens- und Produktionsgrundlagen auf Flächen- und Landschaftsebene. Dazu gehören
- Boden und Wasser mit Bodenfruchtbarkeit, Wasserrückhalt und Wasserverfügbarkeit
- biologische Vielfalt und ökologische Beziehungen mit Lebensräumen, natürlicher Regulation und Widerstandsfähigkeit
- Versorgung mit Lebensmitteln, Holz und Energie
- Flächenverfügbarkeit und Nutzung, also der Zugang zu Flächen und das Zusammenspiel unterschiedlicher Nutzungsansprüche
Das betrifft die Grünland-, Acker- und Waldflächen des Allgäus und alle, die über sie entscheiden, die Land- und Forstwirtschaft ebenso wie weitere Flächeneigentümer, Hauseigentümer und Gemeinden. Die Landschaftsfunktionen tragen die Lebensgrundlagen aller Menschen in der Region.
2. Nachhaltige Wertschöpfung, Vielfalt, wirtschaftliche Tragfähigkeit und Beteiligung
Die Lage
In den Beiträgen wurde sichtbar, wie eng die Betriebe eingebunden sind, in Märkte und Absatzwege, in den Zukauf von Betriebsmitteln, in Regeln und in Förderprogramme. Wissen und die Bereitschaft zur Veränderung sind durchaus vorhanden. Oft fehlt aber der Spielraum, eigene Wege einzuschlagen.
Vielfalt nimmt auch in der Struktur unserer Region ab. Das betrifft Höfe, Verarbeitung, Handwerk und Vermarktung bis hin zu den Versorgern vor Ort. Wo es weniger Abnehmer, weniger Verarbeiter und weniger Läden gibt, werden die Wahlmöglichkeiten kleiner, für die Betriebe ebenso wie für die Menschen, die einkaufen. Preisdruck und der Verlust regionaler Strukturen verstärken das.
Wissen und Beziehungen spielen eine große Rolle. Handwerk, Höfe und persönliche Begegnungen vermitteln Erfahrungen über Tiere, Lebensmittel und Bewirtschaftung, die sich anders kaum weitergeben lassen. Zwischen Stadt und Land ist der Abstand größer geworden. Der Impuls zur Lücke zwischen Bürgern und Konsumenten hat gezeigt, dass Appelle allein den Abstand zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und tatsächlichen Kaufentscheidungen nicht überwinden. Preis, Angebot, Zeit und Gewohnheiten bestimmen den Alltag mit. Es stellt sich die Frage, wie Verantwortung, Kosten und Risiken mit Entscheidungsmöglichkeiten und wirtschaftlicher Beteiligung zusammenpassen.
Das Handlungsfeld für Isny
Die regionale Wertschöpfung muss so gestaltet sein, dass sie die natürlichen Lebens- und Produktionsgrundlagen erhält und stärkt, Menschen gut versorgt und vielfältige Erwerbs- und Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet.
Dazu müssen Leistungen für Boden, Wasser, biologische Vielfalt und Landschaft wirtschaftlich mitgetragen werden. Entscheidend ist, wie Kosten, Risiken und Erträge verteilt sind, wer mitentscheiden kann und welche Möglichkeiten für Beteiligung und Innovation bestehen. Bezahlbare Ernährung und wirtschaftlich tragfähiges Handeln gehören dabei zusammen.
3. Handlungsspielräume, Verlässlichkeit und Zusammenarbeit
Die Lage
Viele erleben, dass Rahmenbedingungen sinnvolles Handeln erschweren. Beschrieben wurden Abhängigkeiten von Märkten, hohe Anforderungen und Regeln, die eigentlich Missbrauch verhindern sollen, dabei aber auch gute Vorhaben wegen Kleinigkeiten zum Erliegen bringen. Oft gibt es wenig Entscheidungsspielraum und Ermessensspielraum, auch in den Behörden. Viele Betriebe sind auf Förderung angewiesen, deren Bedingungen nicht immer zur Praxis passen.
Auch junge, motivierte Menschen erleben diese Grenzen. Sie möchten etwas aufbauen oder weiterentwickeln, finden aber nicht genügend Zugang und Möglichkeiten. Sie erleben auch, dass neue Vorhaben und Konzepte an Vorgaben und Genehmigungen scheitern. Hinzu kommt die Unsicherheit, ob politische Rahmenbedingungen verlässlich bleiben. Manche warten ab, weil die Zukunft ungewiss erscheint.
Vielfalt braucht Raum, in der Landschaft, in der regionalen Wirtschaft und beim Erproben neuer Wege und Innovationen. Hier liegt die besondere Bedeutung von Reallaboren.
Das Handlungsfeld für Isny
Eine regionale Agrarwende braucht Menschen, die eigenständig und eigenverantwortlich handeln und gemeinsam etwas bewegen können. Dafür benötigen sie Freiraum für eigene Ideen und unterschiedliche Wege, aber auch Sicherheit, planbare Bedingungen und verlässliche Beziehungen.
Zugang zu Wissen, Ressourcen und Mitgestaltung sowie passende Regeln, Förderung und Finanzierung sollen es ermöglichen, Neues mit überschaubaren Risiken zu erproben. Tragfähige Zusammenarbeit verbindet unterschiedliche Fähigkeiten, bietet Rückhalt und ermöglicht gemeinsames Lernen.
Vielfalt braucht Raum, und Menschen brauchen Handlungsmöglichkeiten. In Isny suchen wir am 12. November gemeinsam nach den Hebeln, die beides möglich machen.
