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"Ökuhlogisch oder was?"

Station 2, Legau, 08.10.2026

Nach der gemeinsamen Richtung aus Weitnau haben wir in Legau genauer auf die heutige Lage geschaut: Braucht unser Ernährungssystem die Kuh – und wenn ja, wofür? Die Rapunzel Eine Welt Bio-Stiftung und Rapunzel Naturkost begleiteten diese Station als Paten.

Kuh, Standort und Produktionssystem

Dr. Thomas Guggenberger vom Forschungszentrum Raumberg-Gumpenstein eröffnete den fachlichen Austausch mit der Frage „Ist die Kuh ökologisch tragbar?“. Dabei wurde deutlich, wie wichtig es ist, Tierhaltung im Zusammenhang mit ihrem Standort und dem gesamten Produktionssystem zu betrachten: Wie werden Ressourcen genutzt? Was brauchen gesunde Tiere? Und wie können Betriebe auf veränderte Klimabedingungen reagieren?

Unterschiedliche Sichtweisen auf die heutige Lage

Unter der Moderation von Prof. Dr. Gesa Busch von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf kamen unterschiedliche Erfahrungen aus Landwirtschaft, Verarbeitung, Handel und Verbraucherschaft zusammen. Auf dem Podium diskutierten:

  • Herbert Fleck – Biohof und Molkerei Fleck

  • Florian Lohr – Metzgerei Herre

  • Janina Kress – Heilpflanzenpraktikerin und Unternehmerin

  • Rosemarie Wegemann – Erlebnishof Millers

  • Andreas Magg – Milchvieh- und Ackerbaubetrieb „Bergbauer“

  • Michael Schwarz – stellvertretender Vorstand der Allgäu Milch Käse eG

  • Dr. Thomas Guggenberger – HBLFA Raumberg-Gumpenstein, mit wissenschaftlichen Einordnungen


Vom Anspruch zum Einkauf

Mit ihrem Impuls zur Bürger-Konsumenten-Lücke richtete Prof. Dr. Gesa Busch den Blick darauf, warum gesellschaftliche Erwartungen und tatsächliche Kaufentscheidungen auseinanderfallen. Preis, Angebot, Zeit und Gewohnheiten beeinflussen, welche Entscheidungen im Alltag möglich sind.

Gemeinsam mit dem Publikum ging es anschließend darum, wo Zusammenarbeit Veränderungen ermöglichen kann – und welchen Beitrag die einzelnen Bereiche leisten können.


​Graphic Recorderin Stephanie Gerteis, innovation-factory, Schweiz

Graphic Recording

Stephanie Gerteis hielt die Vorträge und Diskussionen in drei Graphic Recordings fest. Sie machen die unterschiedlichen Sichtweisen, Zusammenhänge und offenen Fragen sichtbar.

Aus den Beiträgen und dem Graphic Recording ergaben sich drei umfassende Bilder, die wir am 12. November nach Isny mitnehmen. Dort suchen wir nach den wichtigsten Hebeln, mit denen wir Veränderungen tatsächlich anstoßen können.


Was wir aus Legau mitnehmen: Eine Lagebeschreibung und drei Handlungsfelder

Verschiedene Blickwinkel auf ein gemeinsames System

In Legau haben wir die Land- und Ernährungswirtschaft aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet. Dabei wurde deutlich, dass sich die Rolle der Kuh nur im Zusammenhang mit Standort, Bewirtschaftung und Ernährungssystem beurteilen lässt. Zugleich bestimmen Märkte, Regeln, gesellschaftliche Erwartungen und Kaufentscheidungen mit, welche Entwicklung auf den Höfen überhaupt möglich ist.

Braucht unser Ernährungssystem die Kuh?

Die Podiumsgäste haben diese Frage grundsätzlich bejaht, allerdings aus ganz unterschiedlichen Gründen. Die Kuh steht für weit mehr als Milch. Sie steht für Wertschöpfung und Kreisläufe, für Aufgaben im Ökosystem, für Handwerk und für Landschaft.

Entscheidend ist, welches Produktionssystem zum Standort und zu seinen Ressourcen passt. Leistung hat Grenzen, und eine höhere Produktion bedeutet nicht automatisch ein besseres Ergebnis. Das Ziel ist deshalb der sinnvolle Grenzertrag. Ob ein Betrieb biologisch oder konventionell wirtschaftet, ist in dieser Hinsicht nicht die entscheidende Frage. Denn wie eine Leistung bewertet wird, hängt auch davon ab, ob man sie zum Beispiel auf ein Kilogramm Milch oder auf einen Hektar Fläche bezieht.

Unterschiedliche Einschätzungen und offene Fragen bleiben bestehen. Das gilt besonders für die Ethik der Tiernutzung, für die Leistungshöhe je Kuh, für die Bewertung von Methan und für den Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und Gesundheit.

Weiterlesen: Kernbefunde, Fazit und Handlungsfelder

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Wie unabhängig und handlungsfähig sind wir?

Die Beiträge haben vielfältige Abhängigkeiten sichtbar gemacht. Die Betriebe sind abhängig von Märkten und Abnehmern, von zugekauften Betriebsmitteln, von Regeln und von Förderung. Wissen und die Bereitschaft zur Veränderung sind durchaus vorhanden. Die Möglichkeiten, eigene Wege einzuschlagen, sind jedoch häufig eingeschränkt.

Zwei weitere Beobachtungen zogen sich durch die Diskussion. Zum einen spielen Wissen und Beziehungen eine große Rolle. Handwerk, Höfe und persönliche Begegnungen vermitteln Erfahrungen über Tiere, Lebensmittel und Bewirtschaftung, die sich anders kaum weitergeben lassen. Zum anderen hat der Impuls zur Bürger-Konsumenten-Lücke gezeigt, dass Appelle allein die Unterschiede zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und tatsächlichen Kaufentscheidungen nicht überwinden. Preis, Angebot, Zeit und Gewohnheiten bestimmen den Alltag mit.

Die Kernbefunde  "Vielfalt braucht Raum, und Menschen brauchen Handlungsmöglichkeiten und Optionen."

1. Vielfalt verschwindet doppelt

Vielfalt gerät auf zwei Ebenen unter Druck. In Natur und Landschaft betrifft das Pflanzen, Tiere und ganze Landschaftsräume. In der gesellschaftlichen Struktur betrifft es Höfe, Verarbeitung, Handwerk und Vermarktung bis hin zu den Versorgungsdienstleistern vor Ort.

Die Konzentration im Handel und bei den Abnehmern, der Preisdruck bis hin zum Preisdiktat, das Verschwinden des Handwerks und der Verlust regionaler Strukturen begrenzen die Wahlmöglichkeiten und erhöhen die Abhängigkeiten. Daraus entsteht ein Mangel an Wahlfreiheit in allen Bereichen. Mit der Vielfalt gehen auch Möglichkeiten verloren, sich anzupassen und selbst zu handeln.

Hinzu kommen Unsicherheit und Zögern. Viele handeln nicht, weil sie die Zukunft als ungewiss erleben, manchmal aber auch, weil ihnen das Wissen fehlt. Zwischen Stadt und Land hat sich eine Kluft aufgetan. Gerade deshalb sind Wissen und Beziehungen so wichtig, und gerade deshalb sind Handwerk, Höfe und persönliche Begegnungen so wertvoll. Doch mehr Wissen oder mehr Bereitschaft zur Veränderung allein lösen diese Schwierigkeiten nicht, solange Preis, Angebot, Zeit und Gewohnheiten in eine andere Richtung wirken.

2. Der aktuelle Rahmen verhindert, statt zu ermöglichen

Rahmenbedingungen können sinnvolles Handeln erschweren. Beschrieben wurden hohe Anforderungen und eine Überregulierung, bei der immer neue Zusatzregeln Schlupflöcher schließen sollen, damit aber auch gute Vorhaben wegen Kleinigkeiten zum Erliegen bringen. Es gibt wenig Entscheidungsspielraum und Ermessensspielraum, auch in den Behörden. Viele Betriebe sind von Förderung abhängig, deren Bedingungen nicht immer zur Praxis passen. Auch junge, motivierte Menschen erleben diese Einschränkungen. Sie möchten etwas aufbauen oder weiterentwickeln, finden aber nicht genügend Zugang und Möglichkeiten. Vielfalt braucht Raum, in der Landschaft, in der regionalen Wirtschaft und beim Erproben neuer Wege. Hier liegt die besondere Bedeutung von Reallaboren.

Was beide Befunde verbindet

Wirtschaftliche Abhängigkeiten, der Verlust von Vielfalt und einschränkende Rahmenbedingungen erschweren es, sich anzupassen und neue Wege einzuschlagen. Wissen und Veränderungsbereitschaft allein reichen deshalb nicht aus.

Vielfalt braucht Raum, und Menschen brauchen Handlungsmöglichkeiten. Dazu gehören auch Spielräume, in denen neue Ansätze unter realen Bedingungen erprobt werden können. Dahinter stehen die Fragen: Wer schafft Wert, wer schöpft ihn ab und wer verfügt darüber?

Aus dieser Lagebewertung ergeben sich die folgenden drei Handlungsfelder für die Weiterarbeit in Isny.

Drei Handlungsfelder für die Weiterarbeit in Isny

1. Raum für Vielfalt in der Landschaft

Eine standortangepasste Landwirtschaft und die Vielfalt von Pflanzen und Tieren waren in Legau wichtige Bezugspunkte. In Isny vertiefen wir die Frage, welche Bedingungen den Erhalt unserer natürlichen Lebens- und Produktionsgrundlagen ermöglichen und welche ihn erschweren. Dabei beziehen wir auch Boden, Wasser und den Klimawandel stärker ein.

2. Vielfalt in der Wertschöpfung

Wer trägt die Kosten, und wer hat die Macht? Die Lagebewertung wirft Fragen nach der Verteilung von Kosten, Leistungen, Wertschöpfung und Entscheidungsmöglichkeiten auf. Wer schafft den Wert, wer schöpft ihn ab und wer verfügt darüber? Und was bedeutet das für die Vielfalt regionaler Betriebe und für bezahlbare Lebensmittel?

3. Spielraum im Rahmen und Reallabor-Räume

In diesem Handlungsfeld geht es um Regeln und Förderung und um die Möglichkeiten, eigenverantwortlich zu handeln, zusammenzuarbeiten und Neues unter realen Bedingungen zu erproben. Welche Spielräume bestehen bereits, und wo fehlen sie?


Weniger…

Impressionen aus Station 2 in Legau